Selbstmitgefühl. Selbstfürsorge. Selbstliebe.
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Selbstmitgefühl: Wie ich anfing, mir ein Freund zu sein.

Lesedauer: 4 Minuten


Von außen scheint alles perfekt.

Dass ich viel nachdenke, auch vieles hinterfrage und regelmäßig reflektiere war schon von klein auf so. Bereits in der Grundschule habe ich Tagebuch geschrieben. Heute steht eine Kiste voller Kindheitserinnerungen in unserem Keller. Es sind sicher zehn vollgeschriebene Tagebücher aus meiner frühen Jugend, in denen ich als kleines Mädchen das verarbeitet habe, was mir damals relevant schien.

Einige Jahre später sind diese Tagebücher schöne Erinnerung geworden, die von einer erfüllten und behüteten Kindheit zeugen. Bis heute ist mir in meinem Leben nichts Schlimmes widerfahren. Alleine dafür kann ich unglaublich dankbar sein. Ich bin privilegiert aufgewachsen und führe auch jetzt ein sicheres Leben. Wende ich den Blick über den Tellerrand meines Zuhauses – hinaus in die Welt – ist dies glaskar.


Wie sieht es in meinem Inneren aus?

Aber wie sieht es mit dem Blick nach innen aus? Dass ich mit einer ordentlichen Portion Selbstbewusstsein gesegnet bin, weiß jeder, der mich kennengelernt hat. Ich bin von Natur aus extrovertiert, Neuem offen gegenüber und selten um ein Wort verlegen. Zudem bin ich schlank und habe symmetrische Züge. Kurz: In unserer Gesellschaft mit ihren Vorstellungen von Ideal habe ich es von Natur aus sehr leicht.

Und trotzdem schmerzen mich meine rechte Schulter und meine rechte Hand beim Schreiben dieses Textes. Das unterschwellige Stechen erinnert mich daran, dass ich langsam machen soll. Es ist als ob meine Finger beim Tippen auf der Tastatur leise flüstern würden: „Hannah, ist gut jetzt. Atme tief durch“.


Die Grenzen meines Körpers habe ich nicht immer gespürt. Es musste erst wie ein Boomerang zurückkommen.

Dass ich meinen Körper wahrnehme und selbst unterschwellige Schmerzen so bewusst spüre, war nicht immer so. In meinem ersten Studium war ich sehr auf meine Leistung und äußeres Erscheinungsbild fixiert. Ich ging regelmäßig ins Fitnessstudio und machte Krafttraining. Ich leistete und leistete in der Uni. Nebenbei arbeitete ich noch. Ich wollte Erfolg haben und legte ein hohes Maß an Perfektionismus an den Tag. Dass das irgendwann wie ein Boomerang zurückschnellen würde, hatte ich damals nicht erwartet. Heute ist es für mich mehr als einleuchtend.


In unserer Leistungsgesellschaft verlange ich immer mehr von mir – bis ich es irgendwann nicht mehr kann.

Wir verlangen von uns so viel Leistung ab. Hier schreibe ich einmal bewusst „wir“, denn ich weiß einfach, dass es vielen so geht. Wir wachsen in einer Leistungsgesellschaft auf, in der wir nur daran gemessen werden, was wir erreichen. Wie wir uns dabei fühlen und was wir dabei denken, das ist zweitrangig. Erst wenn wir kurz vor dem Burnout stehen, halten wir inne und schauen uns an, wie wir eigentlich leben. Wie wir mit uns selber umgehen und wie wir uns selber vernachlässigt haben.

Wie konnte ich erwarten, dass ich mir immer mehr und mehr und mehr und mehr und mehr Leistung abverlange, ohne meinem Körper und meiner Seele die entsprechenden Ressourcen zu geben? Da ist es kein Wunder, wenn der Körper irgendwann dicht macht, Verspannungen vorherrschen, sich chronische Schmerzen auftun und auch das Selbstwertgefühl stark von äußerer Anerkennung abhängig ist. Ja, eigentlich ist es nicht verwunderlich. Wenn ich etwas missachte, es nicht pflege, es nicht behüte, dann geht es irgendwann kaputt.

Während ich diese Zeilen tippe wird mir bewusst, dass mein Partner dies tatsächlich dem Jüngsten in unsere Familie vorlebt: „Mit deinem Besitz musst du achtsam umgehen, den musst du pflegen, dann wird er dir dein ganzes Leben erhalten bleiben“. Lustigerweise bezieht sich dies tatsächlich nur auf Wertgegenstände. Es geht nicht um uns. Um unsere Seele oder unsere Körper. Nein, es geht um Besitz. Wann haben wir verlernt, uns so viel Aufmerksamkeit wie unserem Auto oder iPad zu schenken?


Aber wir machen doch schon „Selfcare-Time“ und „Me-Time“?!

Ja, nun könnte man einwerfen, dass wir uns doch alle Zeit für uns nehmen. Wir unternehmen etwas mit Freunden, gehen in die Sauna oder machen Sport. Manche mehr und manche weniger. Wir haben halt viel zu tun. Aber wie viele von uns schaffen das in einem Maß, dass wir wirklich – also jetzt mal ganz, ganz ehrlich – dass wir wirklich genügend Selbstfürsorge betreiben? Mein Partner hat nicht mal sich selber an erster Stelle stehen. Zuerst kommt sein Sohn, dann seine Partnerin. Ich würde fast behaupten, dann kommen seine Arbeit, unsere Hündin und unser Besitz. Erst dann kommt er. Ich weiß, dass das vielen so geht.

Gleichzeitig reicht es nicht, sich an erster Stelle in seinem Leben zu setzen. Bei mir kam (neben meiner Familie, die mir so wichtig ist) nämlich immer zuerst ich. Ja – und trotzdem hab ich mich nicht gut um mich gekümmert. Oder zumindest hab ich nicht genügend Fürsorge und Mitgefühl für mich kultiviert. Hab zu viel von mir verlangt. Den Blick zu sehr auf das Außen gerichtet. Ging zu hart mit mir ins Gericht.


Sich selber wie ein guter Freund sein

Wenn man versucht, sich selber mehr wie einen guten Freund zu betrachten, wird dieser Gedankengang vielleicht klarer. Eine gute oder beste Freundschaft pflegen wir mit viel Hingabe. Die Freundschaft besteht aus einem Geben und einem Nehmen. Hier muss sich die Waage ziemlich ausgleichend halten, sonst geht eine Freundschaft mit der Zeit in die Brüche. Sind wir uns selber ein guter Freund? Gehe ich mit meinem Körper, meinen Gedanken und meiner Seele um wie mit einem guten Freund?

Ich heute immer mehr. Ich habe gelernt, dass mein Körper nicht alles wegsteckt. Meine vermeintlich starke Stressresistenz war nur ein Auffangen meines Körpers. Ich glaube sogar, dass das bei jedem so ist. Wie ein Boomerang hat mein Körper alles aufgefangen (bis das Fass voll war) und kam dann zurückgeschnellt. Heute ist mir meine Gesundheit (körperlich wie geistig) das höchste Gut. Ich versuche, mir Gutes zu tun und mir liebevoll zu begegnen.

Weniger auf die anderen hören, mehr Liebe und Annahme meiner Selbst üben. In unserer Gesellschaft, in der wir scheinbar perfekt sein müssen, ist das nicht leicht.


Wie schaffe ich es mehr Selbstmitgefühl zu entwicklen?

Ich nehme mir bewusst Zeit für mich. Mache Yoga und meditiere. Ich versuche achtsam zu leben. Tanze und singe. Ich spüre mich. Ich versorge meinen Körper mit Nährstoffen. Schlafe ausreichend. Esse bewusst. Ich beobachte mehr. Versuche wertfreier zu leben. Ich kultiviere positive, liebevolle Gedanken und umgebe mich mit Menschen, die Ähnliches suchen.

Es ist ein Weg, zu dem ich jeden nur einladen kann. Er führt zu mehr Mitgefühl für euch selber. Selbstmitgefühl schafft aber auch, dass ich meinen Gegenüber mit mehr Mitgefühl betrachten kann. Mein Weg gibt mir Kraft, in einer Gesellschaft voller Druck und Geschwindigkeit ein ausgeglichenes Leben zu führen. Er schafft neuen Raum für mehr Kreativität und ja, auch mehr Leistung. Dort, wo ich diese von mir abverlangen möchte.


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