Baby, Kind, Mädchen. Breifrei ernähren. Baby Led Weaning
#achtsam,  #allgemein,  #gast

Gastbeitrag: Mein Baby füttert sich selber

Lesedauer: 5 Minuten

Voneinander lernen und miteinander wachsen. Ganz in diesem Sinne habe ich eine neue Kategorie mit liebevollen Gastbeiträgen auf meinem Blog gestartet. Hier lasse ich wundervolle Frauen (und auch mal einen Mann) zu Wort kommen. Den Anfang macht heute meine ältere Schwester Thea. Sie hat eine kleine Tochter, die nun 8 Monate alt ist. Das erste Baby in unserer Familie und damit natürlich die Prinzessin der Herzen. (Neben Gracie versteht sich).

So wie ich versuche, unseren Haushalt nachhaltiger und achtsamer zu gestalten, so versucht Thea, eine bedürfnisorientierte Beziehung zu ihrem Herzenskind aufzubauen. „Achtsam & bedürfnisorientiert“ – Was genau das bedeutet werdet ihr hier in den nächsten Wochen und Monaten erfahren. Eins vorweg: Es ist bedingungslose Liebe. Ich erlebe meine Schwester und meine Nichte seit 8 Monaten und bin überzeugt: Nichts Schöneres könnte sie ihrer Tochter schenken.


Auf geht’s!

Es gibt so viel zu erzählen. Wo fange ich da an? Vorab: Ich bin Lehrerin an einer Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung. Ich liebe Kinder und habe es mir zur Aufgabe gemacht, sie ihren individuellen Bedürfnissen entsprechend zu fördern. Denn das sind Kinder: Herzensgute Individuen, die alle unterschiedliche Eigenschaften mitbringen.

Seit acht Monaten habe ich eine wundervolle Tochter, die ich alleine großziehe. Dieses Herzenskind hält mich ziemlich auf Trab. Manchmal bringe ich keinen Gedanken zu Ende, ganz zu schweigen von Sätzen oder gar einem ganzen Blogpost. Und Stilldemenz habe ich auch. Das ist kein Mythos, die gibt es wirklich.

Und ja, ich stille noch. Und das sogar ziemlich viel, besonders nachts. Da ungefähr alle zwei Stunden. (An dieser Stelle schütteln vielleicht einige den Kopf oder rollen mit den Augen). Aber so ist es bei uns einfach aktuell und das ist völlig ok.

Für feste Nahrung, also etwas anderes als Muttermilch, interessiert sich das Herzenskind bisher nur wenig. Wobei, wenig Interesse wäre gelogen. Sie hat Interesse, aber isst nur wenig. Die Zeichen dafür standen mit etwa 6 Monaten alle auf grün, weshalb ich dann angefangen habe, ihr etwas anderes als Muttermilch anzubieten.
Diese Zeichen nennt man Beikostreifezeichen*.

Kaum Zähnchen aber trotzdem Fingerfood?

Unsere Reise zu fester Nahrung begann also zunächst mit Fingerfood, da mir eine breifreie Beikost gut gefällt und zu meiner Denkweise und Pädagogik passt. Breifrei – oder auch Baby led weaning bedeutet, dass darauf verzichtet wird, das Baby zu füttern. Das Kind isst selbstbestimmt am Familientisch mit. Also kein Brei füttern nach Fahrplan. Wer davon das erste Mal hört und vielleicht mehr erfahren möchte, dem kann ich den Blog www.breifreibaby.de oder das Buch „Baby-led Weaning“ von Gill Rapley und Tracey Murkett empfehlen (unbezahlte Werbung ohne Auftrag).

Wer nicht selber grad kleine Kinder hat, denkt jetzt vielleicht wie was wo Fingerfood? Für ein Baby? Mit keinen oder in unserem Fall zwei kleinen Zähnchen? Ja, das geht sogar sehr gut. Dem Kind werden die Nahrungsmittel, zunächst Obst und Gemüse, weich gegart und in Pommesform geschnitten angeboten und das Kind nimmt das Essen dann selbst. Anfangs mit der ganzen Faust, weswegen die Pommesstücke jeweils oben und unten etwas raus gucken sollten, später entwickelt sich dann der Pinzettengriff. Generell geht es auch darum, dass das Kind am Familientisch mitisst und man nicht noch extra (Brei) kochen muss. Cool, oder?!

Baby, Kind, Mädchen. Breifrei ernähren. Baby Led Weaning

Wie kam das Sich-selber-Füttern an?

Mein Herzkind hat das weiche Gemüse in Streifenform gut angenommen und so ihre ersten Erfahrungen sammeln können. Natürlich ist zunächst nicht sehr viel im Magen gelandet. Meine Kleine hat aber von Anfang an verstanden, dass man das kauen und schlucken muss. ❤

Falls jemandem das Herz stehen bleibt beim Gedanken, dass sie sich verschlucken könnte: Verschluckt hat sie sich bisher nie. Und ich bin natürlich sowieso immer dabei.

Und was ist mit dem Dreck? Ja, das Kind manscht rum. Es fällt auch viel runter. Aber mal ehrlich: Wir haben Ärmel-Lätzchen, Lappen, fließend Wasser, eine Waschmaschine, Besen und Staubsauger… und früher oder später isst jedes Kind selbst und dann macht’s mehr Dreck. Beim breifreien Essen wird eben nur zeitlich etwas früher damit begonnen. Und zusätzlich aber so so so viel gelernt. Feinmotorik zum Beispiel!

Baby, Kind, Mädchen. Breifrei ernähren. Baby Led Weaning

Da ich Brei nicht (komplett) ablehne, habe ich ihr auch diesen etwas später angeboten. Breiige Konsistenz und gefüttert werden scheint ihr aber eher weniger zu liegen. Und hier kommt ein für mich ganz wichtiger Punkt: Ich füttere meine Tochter nur, wenn sie den Mund aufmacht. Sie wird nicht gezwungen. Sie soll eigene Erfahrungen machen, ein Sättigungsgefühl entwickeln und nicht was reingedrückt kriegen, wenn sie keinen Hunger hat.

Sättigungsgefühl, was ist das?

Wenn wir mal ehrlich sind: Viele von uns haben verlernt, auf den eigenen Körper zu hören. Wir nehmen unser Sättigungsgefühl nicht mehr wahr und essen darüber hinweg. Genauso füttert man mit Brei schnell über den Sättigungspunkt des Kindes hinweg. Sind doch nur noch zwei Löffelchen drin. Der Teller wird leer gegessen. Wem kommt das bekannt vor?
Bei uns gibts daher nur Brei, wenn sie den Mund aufmacht. Hier ist es lustig, meine Mutter beim Füttern zu beobachten. Sie respektiert meinen Wunsch, dass die Kleine den Mund aufmachen soll, aber man kann ihr ansehen, wie es in ihr arbeitet: „Früher haben wir das anders gemacht. Ein Löffelchen für Oma. Ein Löffelchen für Opa. Und Zack – da wurde der Löffel in den Mund geschummelt.“ Ja, irgendwie hat das was mit Schummeln zu tun. Und das möchte ich für mein Herzenskind nicht.

Liebe Leser*innen, das ist nur meine persönliche Meinung. Deshalb möchte ich betonen, dass alle Mütter und Väter, die anders füttern oder gefüttert haben deswegen nicht weniger liebevolle oder gar schlechte Eltern sind. Wir geben alle unser Bestes! Ich möchte für mein Kind nur einen anderen Weg.

Bei uns gibt es daher fast immer selbstgekochtes Gemüse und Obst und inzwischen essen wir einfach gemeinsam. Ich koche Gerichte für uns beide und würze für mich dann erst auf dem Teller nach. Gekocht wird in der Regel also nicht zweimal. Das ist wirklich schön. Und es ist wundervoll zu erleben, wie wir gemeinsam am Tisch sitzen und essen. Auch das schafft Bindung. Und die ist das Wichtigste. ❤


*Zusatz

Beikostreifezeichen – welch herrliches Wort! Die heißen wirklich so. Es sind Entwicklungsschritte des Kindes, die anzeigen, dass das Kind reif für Beikost ist. BEIkost – nicht Anstattkost. Das soll heißen, dass auch weiterhin gestillt oder Pre-Milch gegeben wird. Wie sehen diese Zeichen aus? Zum einen muss der Zungenstoß- oder Zungenstreckreflex weg oder zumindest fast ganz weg sein, das Baby also nicht mehr alles einfach mit der Zunge wieder rausschieben. Außerdem muss die Motorik (Auge-Hand-Koordination) soweit ausgeprägt sein, dass das Kind Dinge greifen und selbständig zum Mund führen kann. Und das Kind muss (mit wenig Hilfe) auf dem Schoß sitzen können.

Grad beim letzten Punkt gibt es immer wieder Diskussionen und wird unterschiedlich gehandhabt. Nach meiner Auffassung ist es wichtig, dass das Kind eine gewisse Rumpfspannung hat und sich auf dem Schoß schon halten kann. Es muss aber nicht ganz alleine sitzen können. (Das kann mein Herzenskind nämlich auch noch nicht gut). Deswegen halte ich sie trotzdem fest und stabilisiere sie seitlich. Wichtig ist, dass das Kind nicht mehr wie ein nasser Sack zusammen sackt. Anfangs sollte immer auf dem Schoß gegessen werden. Eine zurückgelehnte Haltung wie im Babyzusatz eines Hochstuhls ist ungeeignet. Das alles gilt übrigens egal ob Fingerfood oder Brei gefüttert wird.


Baby, Kind, Mädchen. Breifrei ernähren. Baby Led Weaning

Alle meine Gäste findet ihr künftig hier. Danke, Thea!

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